Physikalische Zündvorgänge
Modellierung von Zündprozessen infolge elektrischer Entladungen
Ausgangssituation
Beim Einsatz von elektrischen Geräten oder elektrostatische Aufladung
erzeugenden Prozessen in explosionsfähiger Atmosphäre kann es zu
kritischen Zuständen kommen. In der Vergangenheit gab es deshalb
Unfälle. Potenzielle Zündquellen von Explosionen sind Vorentladungen
in hochfrequenten Wechselfeldern, Niederspannungsfunken bei der
Zündschutzart Eigensicherheit und elektrostatische Entladungen.
Um verlässliche, sicherheitstechnisch relevante Aussagen über
Geräte und Prozesse treffen zu können, welche in
explosionsfähigen Atmosphären eingesetzt werden, ist ein detailliertes
Verständnis der Zündprozesse unerlässlich. Durch die
ständige Weiterentwicklung leistungsstarker Rechner und optischer
Messtechnik besteht nun seit wenigen Jahren die Möglichkeit, die
hochkomplexen Vorgänge bei elektrischen Entladungen und deren
Zündwirksamkeit einerseits zu modellieren und andererseits in Experimenten
direkt zu visualisieren. Simulation und Experiment ergänzen sich hierbei.
Der Vorteil von Simulationen ist die gezielte Auswertung von Parametern,
die experimentell nicht oder nur unter großem Aufwand zugänglich
sind. Bestimmte Effekte lassen sich für die Untersuchungen ein- und
ausschalten. Ein Nachteil der Simulation ist der immense Rechenaufwand und
Speicherplatzbedarf - insbesondere wenn mehrdimensionale Geometrien verwendet
werden. So ist eine Modellierung komplexer Vorgänge oft nur möglich,
wenn einzelne Prozesse stark vereinfacht oder entkoppelt betrachtet werden.
Projektziel
Im Rahmen eines Promotionsvorhabens sollen folgende Fragestellungen untersucht
werden:
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Modellierung von Vorentladungen in hochfrequenten Wechselfeldern:
In der chemischen und petrochemischen Industrie werden Asynchronmaschinen
in Verbindung mit Umrichtern eingesetzt. Eine Drehzahlregulierung der Motoren
ist notwendig, um die Prozessse gezielt zu steuern. Da die Motoren in
explosionsgefährdeten Bereichen verwendet werden, muss das Gefahrenpotential
bekannt und bewertet werden. Bei umrichtergespeisten Antrieben treten
Frequenzbereiche über mehrere Größenordnungen auf {50 Hz
- 3 MHz}. In elektrischen Leitungen kann es bei Störungen zu hochfrequenten
Entladungs- und Vorentladungserscheinungen als Zündquelle eines
explosionsfähigen Gemisches kommen. Bei einem Vergleich bisheriger
Experimente mit Simulationen ergab sich eine erhebliche Diskrepanz zwischen
Experiment und Simulation. Als Ursache wird ein Einfluss der geladenen Spezies
(Ionenreaktionen) vermutet, die bei der Bildung des Plasmakanals entstehen.
Ziel ist es, ein bestehendes eindimensionales Modell der Vorentladungen um
die Ionenreaktionen und deren Wechselwirkung untereinander bzw. mit anderen
Reaktionspartnern zu erweitern und durch Parameterstudien in einem ruhendem
Medium (Brennstoff/Luft-Gemisch z.B. Wasserstoff/Luft oder Propan/Luft) zu
einem detaillierten Verständnis des Zündmechanismus und insbesondere
des Anteils der Ionenreaktionen beizutragen.
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Modellierung von Niederspannungsfunken bei der Zündschutzart
Eigensicherheit:
In explosionsgefährdeten Bereichen müssen alle elektrischen
Betriebsmittel explosionsgeschützt ausgeführt sein. Dabei werden
unterschiedliche Schutzprinzipien angewandt, die als Zündschutzarten
bezeichnet werden. Eine Möglichkeit besteht darin, durch
schaltungstechnische Maßnahmen zu verhindern, dass das elektrische
Betriebsmittel als Zündquelle wirksam werden kann. So sind die in der
Zündschutzart "'Eigensicherheit"' ausgeführten Betriebsmittel bzw.
Stromkreise daraufhin geprüft, dass auch in Störungsfällen
auftretende Öffnungs- und Schließfunken nicht zündfähig
sind. Die Zündschutzart Eigensicherheit basiert folglich auf einer
Begrenzung der elektrischen Leistung und damit auf einer Begrenzung von Spannung
und Strom. Im Falle einer Störung ist die elektrische Leistung, die
durch einen Niederspannungsfunken in ein explosionsfähiges Gemisch
eingekoppelt werden kann, so zu wählen, dass diese nicht
zündfähig ist. Nach dem Auftreten einer kurzzeitigen Störung
soll die Leistungsfähigkeit des Stromkreises natürlich möglichst
schnell wieder hergestellt werden, d.h. der Stromkreis wird wieder mit der
ursprünglichen Leistung gespeist. Hier stellt sich die Frage, wie lange
und in welcher Form im explosionsfähigen Gemisch noch Energie, und damit
verbundene Zwischenreaktionszustände auf dem Weg zu einer Verbrennung,
von der ersten Entladung vorhanden sind und ob es infolge mehrerer repetierender
Entladungen zu einer Akkumulation von Energie im Gemisch kommt. Dieser
Fragestellung soll mit Simulationen nachgegangen werden. Dabei soll eine
zweidimensionale Simulation mit Berücksichtigung der elektrodynamischen
Prozesse und der Ionenreaktionen entwickelt werden. Außerdem sollen
verschiedene Elektrodenkonfigurationen und die Auswirkung von
Wärmeableitung an den Elektroden auf den Zündprozess
berücksichtigt werden.
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Modellierung von elektrostatischen Entladungen:
Nicht elektrostatisch ableitfähige Materialien wie Kunststoffe werden
auf Grund ihrer vielseitigen und kostengünstigen Einsatzmöglichkeiten
in der Industrie in zunehmendem Maße auch in explosionsfähiger
Atmosphäre verwendet. Beispiele für den Einsatz sind z.B. Plastiktanks
und Kraftstoffleitungen bei Kraftfahrzeugen oder Kunststoffgehäuse von
Geräten. Bei einem Einsatz muss immer die Gefahr einer elektrostatischen
Aufladung durch tribologische Prozesse berücksichtigt werden. So ergeben
sich bei der elektrostatischen Aufladung von Kunststoffen Spannungen von
einigen 10 kV. Die Ladungsmenge resultiert jedoch ausschließlich aus
der Ladungstrennung der an dem tribologischen Prozess beteiligten Materialien
und ist daher auf eine vergleichsweise geringe Menge begrenzt. Bei einer
Entladung kommt es innerhalb von Nanosekunden zu einem Energieumsatz der
gespeicherten elektrischen Energie in Dissoziierungsprozesse zum Aufbau des
Plasmas im Entladungskanal. Erst dieser Energieaufwand ermöglicht einen
Ladungsfluss und so den entsprechenden Potentialausgleich. Als
zündfähig haben sich Funken-, Büschel- und
Gleitstielbüschelentladungen erwiesen. Der Zündprozess von
elektrostatischen Entladungen ist für den Explosionsschutz noch nicht
in einer ausreichenden und befriedigenden Tiefe verstanden. Deshalb soll
erstmals mit einem ähnlichen Ansatz, wie in Bezug auf die anderen Fragen
ausgeführt, der Zündprozess elektrostatischer Entladungen simuliert
werden. Die zentrale Fragestellung ist, wie die Energieeinkopplung in das
explosionsfähige Gemisch funktioniert und wie die konkrete Entladungsform
dabei berücksichtigt werden kann.
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