In vielen Fällen, z.B beim elektrostatischen Beschichten, müssen Hochspannungselektroden
in explosionsgefährdeten Bereichen eingesetzt werden. Ein anderes Beispiel sind
Kunststoffflächen, welche durch bestimmte Maßnahmen antistatisch ausgerüstet sínd
(z.B. Entladespitzen, Strukturierung der Oberfläche). Solche Konstruktionen dürfen
in explosionsgeschützten nur dann verwendet werden, wenn ihre elektrostatische Wirksamkeit
im Experiment nachgewiesen ist (siehe Cenelec TR 50404:2003, Abschnitt 4.4.3). Es
wird eine neue Methode vorgestellt, mit der die Zündwirksamkeit von elektrostatischen
Entladungen ohne brennbare Testgase bestimmt werden kann. Dabei wurden bei bisher
mehr als 100 Vergleichstests (elektrostatische Handsprüheinrichtungen, Kunststoffflächen,
textile Gewebe) praktisch immer übereinstimmende Ergebnisse zwischen der neuen
elektrischen und der bisherigen Testmethode in brennbaren Testgasen festgestellt.
Das zu prüfende Teil wird in einem Testgas, dessen Zündwirksamkeit der
explosionsfähigen Atmosphäre beim Einsatz des Produkts entspricht, angeordnet. Anschließend
werden Entladungen zu einer geerdeten Kugelelektrode von 25 mm Durchmesser provoziert. Die
Zündprüfung gilt als bestanden, wenn innerhalb von 20 min keine Entzündung des Testgases
auftritt. Diese Testmethode hat den Nachteil, dass der Prüfer mit dem Prüfobjekt ohne
Hörkontakt und nur mit eingeschränkter Sicht und Beweglichkeit im Gasgemisch hantieren
muss. Hierdurch können Leckagen auftreten. Trotz erheblichem experimentellem Aufwand
ist das Prüfergebnis nur eine ja/nein Entscheidung, die bei einer Wiederholung des
Experiments zur genau entgegen gesetzten Beurteilung führen könnte. Dies ist unbefriedigend
und hat zu der Entwicklung quantitativer elektrischer Messmethoden geführt, deren Ergebnisse
mit einem Grenzwert verglichen werden können.
C, U und const können aus bereits veröffentlichten Mindestzündenergiemessungen
entnommen werden. Man erhält dann die folgenden Grenzwerte (siehe z.B.
Cenelec TR 50404, EN 13463-1) für Q für die unterschiedlichen Explosionsgruppen
nach EN 50014:
I: 60 nC
IIA: 60 nC
IIB: 30 nC
IIC: 10 nC
Diese Grenzwerte ermöglichen es es, statt eines Testgasgemisches die
elektrische Messung der von der Entladung übertragenen Ladung heranzuziehen.
Hierbei zeigte es sich sogar, dass bei Gasen und Dämpfen der Zündgrenzwert
unabhängig vom Typ der Entladungsform ist.
Messung mit dem Coulombmeter
Zur Messung wird zuerst das zu untersuchende Prüfmuster im Trockenklima (23 °C, 30 %
relative Luftfeuchte) akklimatisiert. Anschließend wird das Prüfmuster nach drei
verschiedenen Verfahren aufgeladen: z.B. Reiben mit einem Filztuch, Schlagen mit
einem Lederhandschuh und Aufsprühen von Elektronen. Letztere Methode darf nicht
angewendet werden bei ungeerdetem leitfähigem Kunststoff, bei leitfähig hinterlegtem
Kunststoff und bei stark konkav geformten Prüfmustern (z.B. Innenseite von Rohren,
Innenseite von Verschlusskappen). Ein entsprechendes Gerät mit einer Nadelplatte von
100 Nadeln ist handelsüblich. Die Nadelplatte wird einfach auf das Prüfmuster aufgesetzt,
dann die Hochspannung von -70 kV angelegt und das Gerät nach einigen Sekunden im
eingeschalteten Zustand vom Prüfmuster entfernt.
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Abb. 3: Handelsübliche Nadelelektrode an einem Hochspannungsstick von -70 kV.
(zum Vergrößern auf das Bild klicken, 91 kB)
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Anschließend wird die Kugelelektrode des Coulombmeters der durch Reibung
bzw. Hochspannung möglichst hoch aufgeladenen Fläche genähert, bis eine einzige
Büschelentladung hörbar überspringt. Daraufhin wird das Coulombmeter aus dem
verbleibenden elektrischen Feld gezogen, der angezeigte Wert in nC abgelesen
und mit den zulässigen Grenzwerten verglichen. Diese Vorgehensweise ist
notwendig, um Störungen durch in die Kugel induzierte Spannungen zu kompensieren.
Zweckmäßigerweise führt man einen Parallelversuch mit einer PTFE-Scheibe
mit definierter Fläche (z.B. 100 cm²) durch, um systematische Messfehler (z.B.
durch falsche Klimatisierung) zu erkennen. Dabei ist zu beachten, dass bestimmte
Kunststoffmaterialien, auf welche Elektronen gesprüht werden, mit der Zeit ihre
Aufladbarkeit verlieren.
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Abb. 4: Aufladung mit der Nadelelektrode und anschließend Messung der
übertragenen Ladung Q mit einem Coulombmeter (zum Vergrößern auf das Bild klicken, 98 kB)
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Messung mit dem Oszilloskop
Das beschriebene Messverfahren mit einem Coulombmeter ist für die Beurteilung
textiler Fasern nur bedingt geeignet, da hier unter Umständen Mehrfachentladungen
auftreten können, welche die gemessene übertragene Ladung zu hoch erscheinen lassen.
Ferner ist die Messung mit einem Coulombmeter nicht zur Beurteilung von Entladungen
von einer auf Hochspannung liegenden Elektrode geeignet, da hier ebenfalls
Mehrfachentladungen auftreten können.
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Abb. 5: Kugelelektrode mit angeschlossenem koaxialen 0,25 Ohm
Nebenschlusswiderstand, welcher an den Eingang eines Oszilloskops angeschlossen
wird. (zum Vergrößern auf das Bild klicken, 166 kB)
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Für diese Fälle wird das Verfahren dahingegen modifiziert,
dass statt des Coulombmeters eine Kugelelektrode mit eingebautem Shunt (Widerstand um 0,25 Ohm,
Grenzfrequenz größer 500 MHz) verwendet wird, welche mit einem Oszilloskop (mind. 1
Gigasample/s, mind. 300 MHz Bandbreite, 50 Ohm Eingang, mathematische Integrationsfunktion)
über ein hochwertiges 50 Ohm Kabel verbunden ist. Die mathematische Funktion wird dabei so
programmiert, dass das Oszilloskop das Messergebnis

(R = Shuntwiderstand in Ohm),
d.h. die übertragene Ladung in nC, direkt anzeigt. Dabei lassen sich auch aus dem angezeigten
Stromverlauf Rückschlüsse über die Art der Entladung ziehen.
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Abb. 6: Funkenüberschlag von einer elektrostatischen
Handsprüheinrichtung zur Probenelektrode. (zum Vergrößern auf das Bild klicken, 123 kB)
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Abb. 7: Stromverlauf einer Funkenentladung von einer kleinen
induktionsfreien Kapazität. Q = 9,8 nVs/0,25 Ohm = 39 nC. (zum Vergrößern auf das Bild klicken, 8 kB)
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Abb. 8: Stromverlauf einer Büschelentladung von einer isolierenden
Kunststoffoberfläche. Q = 17,7 nVs/0,25 Ohm = 71 nC. (zum Vergrößern auf das Bild klicken, 7 kB)
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Abb. 9: Stromverlauf einer Entladung von einem gewickelten
Kondensator. Q = 109 nVs/0,25 Ohm = 436 nC. (zum Vergrößern auf das Bild klicken, 9 kB)
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Abb. 10: Stromverlauf einer Gleitstielbüschelentladung.
Q = 5600 nVs/0,25 Ohm = 22400 nC. Die tatsächliche Ladung liegt u.U. höher, da weitere
Entladung außerhalb der Oszilloskopanzeige vorliegen. (zum Vergrößern auf das Bild klicken, 8 kB)
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Veröffentlichungen
U. von Pidoll: Testing products and processes with regard to electrostatic
hazards. Proceedings IEJ/ESA Joint Symposium on Electrostatics, Tokyo 7.-10.Nov. 2004, 245-254.
(Download, PDF, 765 kB)
U. von Pidoll, E. Brzostek und H.-R. Fröchtenigt:
Determining the incendivity of electrostatic discharges without explosive gas mixtures.
IEEE Transactions on Industry Applications, 40 (2004), 1467-1475.
(Download, PDF, 1,7 MB)
U. von Pidoll: The ignition of clouds of sprays, powders and fibers by flames and electric sparks.
Journal of loss prevention in the process industries 14 (2001), 103-109.
(Download, PDF, 951 kB)
Kontakt
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Dr. Ulrich von Pidoll
Tel.: 0531-592-3431
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