Chemisch-analytische Messergebnisse sind häufig Grundlage für
wichtige Entscheidungen, vor allem im Umweltschutz und
Gesundheitswesen und müssen daher zuverlässig und vertrauenswürdig
sein. Für den Handelsverkehr ist wichtig, dass analytische Ergebnisse
ohne aufwendige Nachmessungen akzeptiert werden.
Messergebnisse sind zuverlässig, wenn ihre Genauigkeit dem
Verwendungszweck entspricht und quantifiziert ist, d.h. wenn die
Messunsicherheit bekannt ist. Kenntnis der Messunsicherheit wiederum
setzt Rückführung auf die verwendete Maßeinheit, in der Regel eine
SI-Einheit, voraus. Rückführung bzw. Rückführbarkeit und
Messunsicherheit sind zentrale Begriffe der Metrologie. Ihre
Anwendung auf die chemische Analytik ist die Metrologie in der
Chemie, oder Metrologie in der chemischen Analytik (englisch:
metrology in chemistry, manchmal auch: chemical metrology).
Die beiden Begriffe sind im Internationalen Wörterbuch der
Metrologie (VIM) folgendermaßen definiert:
Definition der Rückführbarkeit (im VIM noch: Rückverfolgbarkeit),
englisch: Traceability:
Eigenschaft eines
Messergebnisses oder Wertes eines Normals, durch eine ununterbrochene
Kette von Vergleichsmessungen mit gegebenen Messunsicherheiten auf
geeignete Normale, im allgemeinen internationale oder nationale
Normale, bezogen zu sein.
Definition der Messunsicherheit, englisch: uncertainty of
measurement:
Dem Messergebnis
zugeordneter Parameter, der die Streuung der Werte kennzeichnet, die
vernünftigerweise der Messgröße zugeordnet werden könnte.
Die Rückführung auf die SI-Einheiten wird in allen Bereichen der
Messtechnik über nationale Normale bewerkstelligt. Die nationalen
Normale sind - falls sie gleichzeitig Primärnormale sind - die
praktischen Realisierungen der SI-Einheiten. Daran sind in der Regel
nationale Rückführungshierarchien angeschlossen, die die Einheiten an
die Gebrauchsebene weitergeben. Wegen der Bedeutung der Rückführung
für die Zuverlässigkeit von Messergebnissen, wird sie in den
Qualitätssicherungs-Normen für alle Messergebnisse gefordert, die
Einfluss auf die Qualität eines Produktes oder einer Dienstleistung
haben (ISO 9001, ISO/IEC 17025, EN 45 001). In diesem Zusammenhang
verlangen Laborakkreditierstellen den Nachweis der Rückführung von
Messergebnissen auf nationale Normale (allgemeiner ausgedrückt: auf
anerkannte Bezugspunkte).
Im Zeitalter der Globalisierung mutet nationale Rückführung
anachronistisch an, aber die Metrologie ist weltweit national
organisiert, indem jedes Land seine eigene metrologische Gesetzgebung
hat (z.B. Gesetze über die Einheiten im Messwesen), die an der
Landesgrenze endet. Der Globalisierung von Handel und Wirtschaft muss
daher durch Vereinheitlichung der nationalen Normale und
Rückführungsstrukturen Rechnung getragen werden. Diese Aufgabe nehmen
die Organisationen der Meterkonvention wahr.
Im Bereich der chemischen Analytik ist die Anwendung der
metrologischen Konzepte noch relativ neu. Rückführungsstrukturen sind
noch im Aufbau. Wegen der steigenden Bedeutung chemisch-analytischer
Messergebnisse in Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft wird
dieser Aufbau in allen Industrieländern und zahlreichen sog.
Schwellenländern zz. mit Hochdruck betrieben.
In den Rückführungsstrukturen der chemischen Analytik spielen
Referenzmaterialien eine zentrale Rolle und übernehmen die Funktion
der Bezugs- und Gebrauchsnormale. Hochreine Stoffe, deren Reinheit
mit geringer Unsicherheit bekannt ist, sowie einfache Gemische
hochreiner Stoffe stehen als Primärnormale an der Spitze nationaler
Rückführungssysteme in der chemischen Analytik. Aber auch komplexe
Messsysteme, die bestimmte stoffliche Zusammensetzungen mit geringer
Unsicherheit realisieren, reproduzieren oder messen, dienen wegen der
Breite und Vielfalt der Analytik wie auch wegen der Instabilität
wichtiger Analyte (z.B. Ozon) als nationale Bezugspunkte.
Es wird nicht möglich sein, für alle in der Praxis auftretenden
analytischen Messaufgaben nationale Normale und
Rückführungshierarchien aufzubauen, sondern es ist eine Beschränkung
auf die wichtigsten Themenbereiche erforderlich.
Das Beratende Komitee "Stoffmenge" (Comité Consultatif pour la Quantité de Matière, CCQM) der Meterkonvention hat in internationaler Diskussion die Bereiche höchster Priorität identifiziert, wo Rückführungsstrukturen vordringlich aufgebaut werden müssen, um dem als Folge der Globalisierung steigenden Bedarf an Rückführungsnachweisen (Akkreditierstellen, Behörden, QS-Normen) gerecht zu werden.
Diese Bereiche sind:
- Gesundheit und Sicherheit,
- Nahrungsmittel
- Umweltschutz,
- Hochtechnologie-Materialien
- Massen-Handelsgüter (z.B. Erdöl, Erdgas),
- Rechtswesen.
Um internationale Vergleichbarkeit und Akzeptanz chemischer
Analysenergebnisse auf diesen Gebieten zu erreichen, müssen die
nationalen Rückführungssysteme verglichen und harmonisiert werden.
Einen wichtigen Beitrag dazu hat das "Mutual Recognition Arrangement
of National Measurement Standards and of Calibration Certificates
issued by National Metrology Institutes (CIPM-MRA)" des
Internationalen Komitees für Maß und Gewicht, CIPM, der
Meterkonvention geleistet, das 1999 in Kraft getreten ist. Die Basis
des CIPM-MRA ist in jedem Fachbereich, so auch in der Metrologie in
der Chemie, ein Satz sorgfältig ausgewählter Key Comparisons
(Schlüsselvergleiche), mit denen der Grad der Äquivalenz der
nationalen Normale und letztlich der Fähigkeiten der mit nationalen
Rückführungsaufgaben betrauten Institute ermittelt werden.
Das CCQM arbeitet zurzeit an einer Liste solcher
Schlüsselvergleiche in der chemischen Analytik, die dann gemäß
CIPM-MRA periodisch (nach drei bis fünf Jahren) wiederholt werden.
Die folgende Liste gibt Unterbereiche unter den genannten Prioritäten
an, in denen Schlüsselvergleiche bereits stattgefunden haben oder
konkret geplant sind:
- automobile exhaust emission surveillance,
- breath alcohol analysis for drink-and-driving legislation
- air quality surveillance,
- analysis of natural and drinking water with respect to toxic
elements,
- calibration solutions for elemental analysis in general,
- diagnostic markers in clinical chemistry,
- DDT metabolites in natural matrix,
- pH-measurement.
Schlüsselvergleiche werden, wenn irgend möglich, mit
Primärmethoden durchgeführt, da diese die direkte Verbindung zu den
SI-Einheiten herstellen. Das CCQM hat Primärmethoden für die
chemische Analytik folgendermaßen definiert:
A
primary method of measurement is a method having the highest
metrological qualities, whose operation can be completely described
and understood, for which a complete uncertainty statement can be
written down in terms of SI units.
A
primary direct method measures the value of an unknown without
reference to a standard of the same quantity.
A
primary ratio method measures the value of a ratio of an
unknown to a standard of the same quantity; its operation must be
completely described by a measurement equation.
Explanatory
notes:
A
primary direct method can be used to make a measurement that is
traceable to the SI without the use of an external reference of the
same quantity (for example, gravimetry or coulometry).
A
measurement traceable to the SI can be made using a primary ratio
method in combination with a reference of the same quantity that is
itself traceable to the SI. However, a method whose operation cannot
be completely described and understood cannot be a primary ratio
method.
A
primary direct method can be combined with a primary ratio method to
produce measurements that retain their primary qualities (for
example, isotope dilution mass spectrometry with a gravimetric assay
of the pure spike).
In herkömmlichem Sprachgebrauch könnte man sagen: Primärmethoden
sind absolute oder definitive Methoden, die auf höchstem
metrologischen Niveau, d.h. mit kleinstmöglicher Unsicherheit,
angewendet werden. Beispiele für Primärmethoden sind:
- Gravimetrie (Analyse oder Synthese über Massebestimmungen),
- Titrimetrie (Volumetrie),
- Coulometrie,
- Massenspektrometrie mit Isotopenverdünnung (IDMS).
Hiervon ist die IDMS, die als "primary ratio method" einzuordnen ist, von besonders großer praktischer Bedeutung, da sie auch in komplexen Matrices, wie z.B. in der klinischen Chemie, auf das SI rückführbare Messergebnisse liefert.
Primärmethoden werden in erster Linie für die Entwicklung von
Primärnormalen und deren Anschluss an die SI-Einheiten verwendet. Im
Prinzip sind sie auf jedem Niveau anwendbar, z.B. auch im
Routinelabor. Eine verbreitete Anwendung verbietet sich jedoch wegen
des hohen Aufwandes. Daher bleiben Primärmethoden hauptsächlich für
Institute reserviert, die nationale Rückführungsaufgaben haben und
ihre Ergebnisse in Schlüsselvergleichen international absichern
müssen.
Der gegenwärtige Stand des Aufbaus eines Rückführungssystems für
die chemische Analytik in Deutschland lässt sich folgendermaßen
beschreiben:
Rückführungsstrukturen existieren in der klinischen Chemie für die
diagnostisch wichtigsten Bestandteile des Blutserums, für bestimmte
Bereiche der Gasanalytik im Umweltschutz sowie für die pH-Messung und
die Messung der elektrolytischen Leitfähigkeit für die
Charakterisierung von Reinstwasser (Pharmazie, Halbleiter,
Kraftwerke) und sind im Aufbau für die Elementanalytik. Ein
gemeinsames Merkmal dieser Rückführungsstrukturen ist, dass im Rahmen
des Deutschen Kalibrierdienstes (DKD) als Kalibrierlaboratorien
akkreditierte chemisch-analytische Laboratorien auf der Sekundärebene
die Weitergabe der nationalen Normale an die Gebrauchsebene
vermitteln und dabei eine Multiplikatorfunktion ausüben, indem sie
Referenzmaterialien und andere Kalibriermittel mit bekannter
Unsicherheit an die Endnutzer, z.B. Prüflaboratorien, weitergeben.
Dabei ist es von Vorteil, dass die den Kalibriermitteln beigegebenen
Kalibrierzertifikate des DKD weltweit anerkannt werden.
Die nationale Bezugsebene in Deutschland, auf der die
international verglichenen nationalen Normale für Anschlussmessungen
bereitgehalten werden, wird gegenwärtig von der PTB gemeinsam mit der
Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) und dem
Umweltbundesamt (UBA) gebildet. Es entspricht der Situation in
anderen Industrieländern, dass das nationale metrologische Institut
(PTB), das in der Regel per Gesetz für die nationalen Normale
zuständig ist, die vielfältige Aufgabe der Rückführung
chemisch-analytischer Messungen nicht allein bewältigen kann. Daher
wurden vertragliche Vereinbarungen mit der BAM und dem UBA getroffen,
die damit Teilbereiche der Zuständigkeit für nationale Normale von
der PTB übernommen haben. Diese Arbeitsaufteilung ermöglicht auch die
Teilnahme Deutschlands an möglichst vielen der Schlüsselvergleiche
auf dem Gebiet der chemischen Analytik.
Rückführbarkeit und Messunsicherheit sind eng miteinander
gekoppelt. Einerseits ist Rückführbarkeit Voraussetzung für die
vollständige Ermittlung der Messunsicherheit, da jeder Analytiker in
der Regel externe Informationen, z.B. in Form von Referenzmaterialien
benötigt, deren Unsicherheit in das Gesamt-Unsicherheitsbudget
einfließt. Nur wenn diese externe Unsicherheit durch eine intakte
Rückführungskette bis zur Realisierung der verwendeten Einheit
gegeben ist, kann eine vollständige Unsicherheitsangabe gemacht
werden.
Andererseits kann eine Rückführungskette nur aufgebaut werden,
wenn es möglich ist, die Anschlussunsicherheiten zwischen den
Hierarchieebenen nach einem allgemein anerkannten Verfahren zu
ermitteln. In der Analytik entspricht diese Anschlußunsicherheit dem
bei der Analyse unter Verwendung des Referenzmaterials im Labor
entstehenden Unsicherheitsbeitrag. Manchmal ist dieser Beitrag wegen
der systembedingten hohen Variabilität des Ergebnisses sowie wegen
Matrixunterschieden zwischen Referenzmaterial und Probe so dominant,
dass die Unsicherheit des Kalibriermittels und damit dessen
Rückführbarkeit nur eine untergeordnete Rolle spielt. Das gilt aber
keineswegs generell. Grundsätzlich kann ein Analysenergebnis nicht
genauer sein als die verwendeten Referenzmaterialien.
Das zur Unsicherheitsermittlung benötigte allgemein anerkannte Verfahren ist im Guide to the Expression of Uncertainty in Measurement, ISO, 1993, beschrieben. Eine Interpretation für den Bereich der chemischen Analytik wurde von EURACHEM und CITAC
herausgegeben und steht unter CITAC
kostenlos zur Verfügung als EURACHEM/CITAC Guide "Quantifying
Uncertainty in Analytical Measurement", second edition, QUAM:
2000.P1.
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