SI rückgeführte Messung der elektrolytischen Leitfähigkeit
Die elektrolytische Leitfähigkeit
- ist ein Maß für die Fähigkeit einer Lösung ionische Ladung zu transportieren
- hängt von der Art und Konzentration der in der Lösung vorhandenen Ionen ab
- ist geeignet, bereits geringste Änderungen in der Zusammensetzung einer wässrigen Lösung ohne aufwendige Probenahme zu erfassen.ist eine geeignete Messgröße u.a. für die Qualität von Rein- und Reinstwasser, für die Produktüberwachung (z.B. Brauereien), in der Prozesssteuerung (z.B. Abwasserbehandlung) und in der Medizin (z.B. Effektivität der Dialysebehandlung)
In wässrigen Lösungen liegt der Messbereich zwischen 5,5 µS/m (Reinstwasser) und
etwa 10 S/m (Prozesswasser). Die elektrolytische Leitfähigkeit ist stark von der Temperatur abhängig und wird i.A. auf 25 °C bezogen.
Wie wird die Leitfähigkeit gemessen?
Grundlage zur Bestimmung der
elektrolytischen
Leitfähigkeit κ ist das
Ohmsche Gesetz in seiner physikalischen Form: j=κE.
j ist die
Stromdichte in einer mit Lösung gefüllten Messzelle und E ist das
(ortsabhängige) elektrische Feld, das den Ionenstrom treibt. Es
wird durch
Elektroden erzeugt, die in die Lösung eintauchen und an die die
Spannung U angelegt ist.
Messapparaturen zur primären Bestimmung der Leitfähigkeit
sind meist so konstruiert, dass das elektrische Feld durch die
angelegte
Spannung ausgedrückt werden kann. Hier gibt es unterschiedliche
Ausführungen [1], im Allgemeinen wird jedoch versucht, in einem
bekannten, präzise vermessbaren Volumen ein
homogenes elektrisches 
Feld zu realisieren. Die einfache
Anordnung zweier planparalleler Elektroden mit einer
Oberfläche A, die im
Abstand l positioniert sind
und ein homogenes elektrisches Feld erzeugen,
ist in der Skizze rechts zu sehen. Für diese Anordnung gilt j=I/A
und E=U/l. Damit lässt
sich die Leitfähigkeit aus dem Gleichstromwiderstand der
Lösung in der Zelle R=U/I
und den geometrisch Größen A und l berechnen:
κ = l/(AR)=K/R.
K = l/A ist die so genannte
Zellkonstante. Während die geometrischen Größen relativ
einfach zu messen sind, erschweren Polarisationseffekte an den
Elektroden die Messung des Gleichstromwiderstands. So sammeln sich
insbesondere Ionen in einem komplexen Schichtaufbau
an den Elektroden. Außerdem transferieren Elektronen
geringfügig über die
Grenzfläche.
Diese Effekte verringern das elektrische Feld im Inneren der Zelle und
der oben
angenommene einfache Zusammenhang zwischen angelegter Spannung und
dem elektrischen Feld lässt sich nicht aufrecht erhalten. Daher
wird
in einer primären Messung eine Wechselspannung angelegt und die
Impedanz Z der Zelle bei
unterschiedlichen Frequenzen gemessen. Der Gleichstromwiderstand wird
dann auf der Basis eines elektrischen Ersatzschaltbilds ermittelt, in
dem den Polarisationseffekten einfache elektrische Schaltelemente
zugeordnet werden. Ein vereinfachtes Modell zeigt die Skizze. Die
Akkumulation der Ionen an den Elektroden wird durch eine Kapazität
Cd
(Doppelschichtkapazität) modelliert und
der Elektronentransfer durch den Widerstand Rp
(Polarisationswiderstand). Nach einer genauen Analyse des
Impedanzspektrums, kann im Allgemeinen ein Frequenzbereich gefunden
werden, in dem der Einfluss von Rp
und Cd gering ist
und die
gemessene Impedanz weitestgehend vom Lösungswiderstand bestimmt
wird. Durch eine geeignete Extrapolation der Impedanzdaten kann der
Gleichstromwiderstand der Lösung dann sehr genau ermitteln
werden. Allerdings hängt der Einfluss den die Polarisationseffekte
auf das gemessene Spektrum haben, stark vom Lösungsmittel, der
Elektrodenoberfläche und der Ionenkonzentration ab. Die
adäquate Modellierung der Zelle kann je nach Lösung und
Konzentrationsbereich schwierig werden und ist Gegenstand
metrologischer Forschung bei der Charakterisierung neuer
Referenzmaterialien und der Erweiterung des Messbereichs.
Mit dem an in der PTB entwickelten primären Leitfähigkeitsmessplatz
für Referenzlösungen
[2] kann die Leitfähigkeit von Elektrolytlösungen im
Bereich zwischen 0.5 mS/m und
10 S/m mit einer
relativen Standardunsicherheit von bis zu 0.02 % gemessen werden.
Bei kommerziellen Zellen, die die unterschiedlichsten
Geometrien und Elektrodenanordnungen haben, wird die
Zellkonstante durch Kalibrierung mit Referenzlösungen bekannter
Leitfähigkeit ermittelt.
Die Rückführungskette
Die AG Elektrochemie der PTB ermittelt die Leitfähigkeitswerte von primären Referenzlösungen und ihre Unsicherheiten mit ihrem primären Leitfähigkeitsmessplatz und gibt Kalibrierscheine für die Lösungen aus. Da alle in die Bestimmung der Leitfähigkeit eingehenden Messgrößen auf das Internationale Einheitensystem (SI) zurückgeführt sind, ist auch der ermittelte Leitfähigkeitswert einer primären Referenzlösung auf das SI zurückgeführt. Im Allgemeinen lassen Kalibrierlaboratorien (DKD) ihre Referenzlösungen bei der PTB kalibrieren und verwenden diese, um die Zellkonstanten ihrer sekundären Messzellen zu bestimmen. Damit wird die Leitfähigkeit von sekundären Referenzlösungen bestimmt, die ihrerseits verwendet werden, um Anwendungsgeräte zu kalibrieren [3].
Internationale Vergleichsmessungen
Die Zuverlässigkeit des primären Leitfähigkeitsmessplatzes wird durch internationale Vergleichsmessungen sichergestellt (BIPM key comparison databasis). Informationen zu Vergleichsmessungen finden Sie auch hier. Die PTB bietet damit allen Interessenten die Möglichkeit einer Rückführung der Leitfähigkeitswerte von Referenzlösungen auf die SI-Einheiten, die durch den Mutual Recognition Agreements (MRA) international anerkannt ist. Die Meßbereiche und Unsicherheiten sind unter Dienstleistungsangebote zu finden.
Aktuelle Forschung: Leitfähigkeit von kontaminiertem Reinstwasser
Leitfähigkeitsmessungen
eignen sich, um die Kontamination von Reinstwasser durch Ionen zu
detektieren
und die Qualität von Reinstwasser für klinische und
pharmazeutische Zwecke
sicherzustellen. So sind sie beispielsweise Bestandteil von pharmazeutischen
Regelwerken wie dem europäischen (Ph. Eur.) und dem amerikanischen
Arzneibuch (USP). Im Messbereich von
Reinstwasser gibt es
derzeit keine stabilen Referenzlösungen, deren
Leitfähigkeitswert glaubwürdig auf
das SI
zurückgeführt ist. Vielmehr wurden bisher die Messergebnisse
mit
sekundären Verfahren auf die
Leitfähigkeitswerte von Referenzlösungen
zurückgeführt, die um mehrere
Größenordnungen über dem des Reinstwassers liegen. Der
derart ermittelte und publizierte
Leitfähigkeitswert von Reinstwasser von 5.5 µS/m ist daher
mit
einer schwer
abzuschätzenden Unsicherheit versehen und kann kaum als auf das SI
zurückgeführt angesehen werden.
Der Leitfähigkeitsmessplatz für Reinstwasser der PTB ist eine primäre Messprozedur, mit der
der Leitfähigkeitswert von Reinstwasser nun
zurückgeführt
auf das SI ermittelt
werden kann. Die Modellierung von Messzellen zur Bestimmung des
Gleichstromwiderstands für Lösungen im µS/m
Bereich
ist
allerdings bis
jetzt ein kritischer Punkt. Im Rahmen eines europäischen
Forschungsprojekts in
der Metrologie (imera+ TP2 JRP10-WP4) wird an der PTB ein
Leitfähigkeitsmessplatz aufgebaut, in dem Reinstwasser definiert
bis in den
ng/L Bereich hinein mit Ionen kontaminiert werden kann. Die gemessenen
Impedanzspektren sollen die experimentelle Grundlage für das
Erstellen eines
geeigneten Auswertemodells im µS/m Bereich bilden. Es wird das
Ziel
angestrebt, verlässliche, primäre
Leitfähigkeitsmessungen in diesem Bereich mit geringen
Messunsicherheiten zu ermöglichen. Das Projekt erfolgt in
Kooperation mit dem dänischen, dem italienischen und dem
schwedischen
Metrologischen Staatsinstituten.
Literatur
| [1] |
Freek Brinkmann, Niels Ebbe Dam, Eva Deák, Francesca Durbiano, Enzo Ferrara, Judit Fűkő, Hans D. Jensen, Michal Máriássy, Rubina H. Shreiner, Petra Spitzer, Uwe Sudmeier, Michael Surdu, and Leoš Vyskočil, Primary methods for the measurement of electrolytic conductivity (2003) Accred. Qual. Assur. 8:346-353 |
| [2] |
P. Spitzer, U. Sudmeier (Hrsg), Electrolytic conductivity, 146. PTB-Seminar, PTB- Bericht ThEx-15, Braunschweig, 2000 |
| [3] |
P. Spitzer: Zuverlässige Kalibrierung von Leitfähigkeits-Messzellen,
QZ (Qualität und Zuverlässigkeit) 12/2000 |
|