Das Schwere
Heute ist es mal wieder Zeit, mit einem zähen Vorurteil aufzuräumen. Sind Sie heute vielleicht auch von Gartenrotschwanz, Rotkehlchen oder Amsel geweckt worden und dachten so bei sich: „Ach, die haben gut singen! Säen nicht, ernten nicht, haben ein leichtes Leben. Und ich? Darf mich schweren Herzens ins Büro schleppen!“ Hier sehen Sie ein typisches Beispiel von Selbstüberschätzung und Überbewertung – Kategorien, zu denen der Mensch in seiner Nabelschau allzu leicht neigt. Hält sein Dasein für ein schweres und die ihm hingehaltenen Aufgaben für eine Last. Die Wahrheit dagegen ist eine andere. Müssen Sie etwa eine Stunde und zwanzig Minuten vor Sonnenaufgang raus, sich auf den nächstbesten Ast oder Dachfirst hocken, um die noch schlafende Welt zu wecken? Müssen Sie stets gut bei Stimme sein, einerlei, was der vorherige Abend Ihnen abverlangte? Machen Sie sich doch einmal den Spaß und schleichen Sie sich eine Stunde und fünfundzwanzig Minuten vor Sonnenaufgang leise in den Garten, versuchen Sie im fahlen Mondlicht zu erkennen, was sich unter Bäumen und Büschen tut. Da hocken sie alle, die ach so leicht Gefiederten, beim Morgenappell in Reih und Glied. Vor ihnen Chef oder Chefin: „Etwa irgendjemand müde hier, meine Da men und Herren? Haben alle ihre Uhr gestellt? Kennt jeder seinen Einsatz? Dann los!“ Mit solchen Tagesansagen müssen Sie nicht zurecht kommen. Sie dürfen verschlafen am Küchentisch sitzen, die Sportseite Ihrer Zeitung studieren und sich mit Kaffee in den Tag helfen. Denken Sie daran, wenn wieder einmal die Last des kommenden Tages Sie zu drücken scheint und der Jammer groß ist. So schwer – vergleiche: Rotkehlchen – ist Ihr Menschenlos schließlich auch wieder nicht.
Das Leichte
Ist das so? Ich meine muss das so?
Ist das so oder ist es vielleicht viel leichter?1
Im Regentropfentrommeln sind sie beinahe untergegangen, diese letzten Zeilen des soeben noch taktgebenden Radiostücks. Aus dem leichten Regen war ein schweres Trommelsolo geworden, das die abrupt endenden Instrumente ablöste. Und vermutlich haben auch Sie sie deswegen nicht mehr hören können. Also aufgehorcht, in Gedanken summe ich Ihnen die letzte, alles entscheidende Frage noch einmal ins Ohr – singen wollen Sie mich nämlich lieber nicht hören: Ist das so oder ist es vielleicht viel leichter? Sollten wir uns diese Frage nicht vielleicht viel öfter ins Gedächtnis rufen, oder was meinen Sie? Wie oft sehen wir (zuerst) in allem nur die Beschwernisse, die uns den Blick verstellen?! Sollten wir nicht hin und wieder leichtgeflügelter aus diesem Schatten hinaustreten...
Aber auch dieser Regen hatte irgendwann ein Ende. Die Sonne scheint wieder. Also, lassen Sie uns die Lektüre beiseitelegen und hinausgehen; vielleicht noch ein wenig durch die vorangegangenen Krafträume schlendern, über Schweres und Leichteres nachdenken und uns auf Kommendes freuen.
Halten Sie sich fest, falls Sie noch auf der anderen Wippenseite sitzen sollten, denn ich springe jetzt ab. Und nicht, ohne dann doch noch mit dem Singen anzufangen, verabschiede ich mich von Ihnen. Bleiben Sie im Gleichgewicht!
You see – ah ah ah
It’s easy – ah ah ah
You only need to know2
1Wir sind Helden: Ist das so, auf: Die Reklamation, 2003. www.wirsindhelden.de/bildton/text/
2Cat Stevens: If You Want to Sing Out, Sing Out, auf: Footsteps in the Dark. Greatest Hits, Vol. 2, 1984.
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