
Autor: Jens Simon
Im Blitzlichtgewitter der Positronen
Auf den Fluren dieser Station zeigt die Wanduhr dem Besucher, dass die Zeit wie gewohnt fortschreitet. Andernfalls, ohne Uhr, könnte er das Gefühl bekommen, sich in ein Standbild verirrt zu haben, denn es passiert: nichts. Würde nicht gelegentlich eine Schwester über den Gang laufen, käme der Besucher auch gar nicht auf den Gedanken, sich mitten in einem Klinikbetrieb zu befinden. „Unsere Patienten haben striktes Ausgeh- und Besuchsverbot“, sagt Konstantin Kley, Oberarzt in der Nuklearmedizinischen Klinik auf dem Gelände des Forschungszentrums Jülich, und zeigt auf die verschlossenen Krankenzimmer. „Erst wenn die Aktivitäten weit abgeklungen sind, lassen wir sie aus ihren Zimmern wieder raus.“ Denn jeder Kranke auf dieser Station strahlt. Jeder von ihnen hat ein radioaktives Präparat geschluckt oder hat es injiziert bekommen, um den Tumor in seiner Schilddrüse, die Metastasen in seinen Knochen oder die rheumatischen Beschwerden in seinen Knien zu bekämpfen. Die konkrete Aufgabe der radioaktiven Substanzen etwa bei einem Krebspatienten: Sie sollen sich im Tumor oder um ihn herum ansammeln, damit die radioaktiven Zerfallsprodukte die bösartigen Zellen in ihrer Nachbarschaft zerstören oder zumindest akute Schmerzen lindern. Während dieser Teil der Strahlung, meistens Beta-Strahlung, den Körper nicht mehr verlässt, sondern von den Zellen absorbiert wird, rast ein anderer Teil der Strahlung, die so genannte Gamma-Strahlung, weitgehend ungestört durch den Körper und gelangt nach außen. Erst wenn dieser Strahlungsanteil soweit abgeklungen ist, dass ein gesetzlich vorgeschriebener Schwellenwert unterschritten wird, kann der Patient sich wieder frei bewegen. Bei Schilddrüsenpatienten, die ein Radiojodpräparat mit dem radioaktiven Isotop Iod-131 bekommen, dauert der stationäre Aufenthalt in der Regel etwa eine Woche.
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