Werner Heisenberg (1901 – 1976)
1. Warum haben Sie sich für ein Physikstudium entschieden? Nach der Lektüre von Weyls "Raum-Zeit-Materie" hieß es vom zukünftigen Mathematikprofessor: "Dann sind Sie für die Mathematik sowieso schon verdorben." "Mit dem Studium der Mathematik war es also nichts. Eine enttäuschte Beratung mit meinem Vater führte zu dem Schluß, daß ich es ja auch mit dem Studium der mathematischen Physik versuchen könnte."
2. Wo haben Sie Physik studiert? In München
4. Ihr physikalisches Aha-Erlebnis? Eine Offenbarung war es für Heisenberg, "daß die Mathematik auf die Dinge unserer Erfahrung paßt; eine Erkenntnis, die, wie ich in der Schule erfuhr, schon von den Griechen, von Pythagoras und Euklid, gewonnen worden war. Ich probierte, zunächst angeregt durch die Stunden bei Herrn Wolff, die Verwendung der Mathematik selbst aus, und ich empfand dieses Spielen zwischen Mathematik und unmittelbarer Anschauung als mindestens ebenso amüsant wie die meisten anderen Spiele. Später genügte mir das Feld der Geometrie nicht mehr als Bereich für das mathematische Spiel, an dem ich so viel Freude hatte. Ich erfuhr durch irgendwelche Bücher, daß man in der Physik auch dem Verhalten meiner zusammengebastelten Apparate mit Mathematik nachgehen könnte, und ich fing nun an, aus Göschen-Bändchen und ähnlichen etwas primitiven Lehrbüchern die Mathematik zu lernen, die man zur Beschreibung der physikalischen Sätze braucht."
6. Gibt es ein völlig anderes Fach, das Sie ebenfalls interessiert? Mathematik und Philosophie
9. Woran erkennt man eine/n PhysikerIn? "Jeder Naturwissenschaftler, der Forschung treibt, hat das Gefühl, daß er nach etwas sucht, das objektiv wahr ist. Seine Aussagen sind nicht so gemeint, als sollten sie von den Bedingungen abhängen, unter denen sie verifiziert werden können."
13. Verstehen Sie die Quantenmechanik? "Wolfram fragte mich einmal – ich glaube, es war abends im Wirtshaus in Grainau –, ob ich die Einsteinsche Relativitätstheorie verstanden hätte, die im Sommerfeldschen Seminar eine so große Rolle spielte. Ich konnte nur antworten, daß ich das nicht wisse, da mir nicht klar sei, was eigentlich das Wort "Verstehen" in unserer Naturwissenschaft bedeute. Das mathematische Gerüst der Relativitätstheorie mache mir zwar keine Schwierigkeiten; aber damit hätte ich doch wohl nicht verstanden, warum ein bewegter Beobachter mit dem Wort "Zeit" etwas anderes meine als ein ruhender Beobachter. Diese Verwirrung des Zeitbegriffs bleibe mir unheimlich und insofern auch noch unverständlich."
17. Beherrschen Sie ein Musikinstrument? Klavier
22. Was ist in Ihren Augen das Wichtigste bei einer Messung? In der Weltgeschichte Europas, wie sie Freyer jüngst dargestellt hat, [...] ist mit Recht [...] die alte Formel angewendet worden "Credo, ut intellegam – ich glaube, um einzusehen," und Freyer hat sie bei [der Anwendung auf die Entdeckungsfahrten Kolumbus] erweitert, indem er ein Zwischenglied einfügte: "Credo, ut agam; ago, ut intellegam — ich glaube, um zu handeln; ich handle, um einzusehen." Diese Formel paßt nicht nur auf die ersten Weltumseglungen, sie paßt auch auf die ganze Naturwissenschaft des Abendlandes. Sie umgreift humanistische Bildung und Naturwisssenschaft."
24. Verraten Sie drei Eckpunkte Ihrer Biographie? 1933 — Heisenberg erhielt den Nobelpreis für Physik für das Jahr 1932, 1941 — (mißglücktes) Gespräch mit Niels Bohr über die militärische Nutzung der Kernenergie und wie sie verhindert werden könnte, 1945 – 1946 — zusammen mit anderen deutschen Physikern von den Alliierten in Farmhall bei Cambrigde interniert.
28. Welche(n) PhysikerIn bewundern Sie? "Ich war beeindruckt, wie Einstein die Dinge anfaßte."
32. Es gab eine Zeit, in der physikalische Experimente plötzlich politisch hochbrisant wurden. Wie politisch kann Physik in Ihren Augen sein? "Otto Hahn und wir alle haben an der Entwicklung der modernen Naturwissenschaft teilgenommen. Diese Entwicklung ist ein Lebensprozeß, zu der sich die Menschheit, oder wenigstens die europäische Menschheit schon vor Jahren entschlossen hat – oder wenn man vorsichtiger formulieren will, auf die sie sich eingelassen hat. Wir wissen aus Erfahrung, daß dieser Prozeß zum Guten und Schlechten führen kann. Aber wir waren überzeugt – und das war insbesondere der Fortschrittsglaube des 19. Jahrhunderts –, daß mit wachsender Kenntnis das Gute überwiegen werde und daß man die möglichen schlechten Folgen in der Gewalt behalten könne. An die Möglichkeit von Atombomben hat vor der Hahnschen Entdeckung [der Kernspaltung] weder Hahn noch irgendein anderer von uns ernstlich denken können, da die damalige Physik keinen Weg dahin sichtbar machte. An diesem Lebensprozeß der Entwicklung der Wissenschaft teilzunehmen, kann nicht als Schuld angesehen werden."
33. Lässt sich in der Physik noch etwas Neues entdecken? "Wenn man fragt, worin eigentlich die große Leistung des Christoph Kolumbus bestanden habe, als er Amerika entdeckte, so wird man antworten müssen, daß es nicht die Idee war, die Kugelgestalt der Erde auszunützen, um auf der Westroute nach Indien zu reisen; diese Idee war schon von anderen erwogen worden. Auch nicht die sorgfältige Vorbereitung seiner Expedition, die fachmännische Ausrüstung der Schiffe, die auch von anderen hätte geleistet werden können. Sondern das schwerste an dieser Entdeckungsfahrt war sicher der Entschluß, alles bis dahin bekannte Land zu verlassen und so weit nach Westen zu segeln, daß mit den vorhandenen Vorräten eine Umkehr nicht mehr möglich war. In ähnlicher Weise kann wirkliches Neuland in einer Wissenschaft wohl nur gewonnen werden, wenn man an einer entscheidenden Stelle bereit ist, den Grund zu verlassen, auf dem die bisherige Wissenschaft ruht."
34. Ist die Natur tatsächlich so, wie Physik, Biologie und Chemie sie beschreiben? "Die Naturwissenschaft beschreibt und erklärt die Natur nicht einfach so, wie sie "an sich" ist. Sie ist vielmehr ein Teil des Wechselspiels zwischen der Natur und uns selbst. Sie beschreibt die Natur, die unserer Fragestellung und unseren Methoden ausgesetzt ist."
35. Versuchen Sie eine Definition: Zufall ist... "Kann das Mögliche, nämlich das zu erreichende Ziel, den kausalen Ablauf beeinflussen? Damit ist man aber schon fast wieder im Rahmen der Quantentheorie. Denn die Wellenfunktion der Quantentheorie stellt ja das Mögliche und nicht das Faktische dar. In anderen Worten: vielleicht ist der Zufall, der in der Darwinschen Theorie eine so wichtige Rolle spielt, gerade deshalb, weil er sich den Gesetzen der Quantenmechanik einordnet, etwas viel Subtileres, als wir uns zunächst vorstellen."
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