zum Seiteninhalt

Physikalisch-Technische Bundesanstalt

PublikationenOnline-MagazinIm BlickpunktPhysik ist... > Reinhard Scherm
Physik ist...
Antworten zum Fragebogen von Reinhard Scherm
Zum Zeitpunkt des Interviews Leiter des PTB-Fachbereichs "Physikalische Grundlagen"

Reinhard Scherm

1. Warum haben Sie sich für ein Physikstudium entschieden? Zuerst wollte ich nach altsprachlichem Gymnasium Chemie, dann Elektrotechnik studieren. Dann traf ich einen Studenten der Physik, der mir klarmachte, dass nicht nur 4 Genies, sondern 100 normale Menschen Physik studierten. Das war's

2. Wo haben Sie Physik studiert? Technische Hochschule in München

3. Haben Sie in der Schule ein physikalisches Experiment erlebt, das Sie besonders beeindruckt hat? Welches physikalische Experiment beeindruckt Sie? Ich trieb mich als Schüler jedes Jahr eine Woche im Deutschen Museum in M herum. Da gab es eine Nebelkammer!!

6. Gibt es ein völlig anderes Fach, das Sie ebenfalls interessiert? Musik, Astronomie

8. Hatten Sie je einen Chemiebaukasten? Ja. und auch Elektro, Optik Mechanik, radio von KOSMOS. Dann Chemie im Dachstübchen, schließlich Amateurfunkempfänger selbstgelötet....

9. Woran erkennt man eine/n PhysikerIn? Nachlässig gekleidet, leicht irrer Blick

10. Ihre Tipps für angehende Physikstudenten? Machen Sie was Anderes, es sei denn, Sie seien ein "Triebtäter", der um jeden Preis hinter eine Kulisse schauen möchte.

11. Gehört zum richtigen Messen eine gehörige Portion Ehrgeiz? Ja, Forschung braucht Neugier, Spieltrieb und Ehrgeiz.

12. Wer viel misst, misst viel Mist... ist in dieser Redensart ein Körnchen Wahrheit verborgen? Aber sicher. Und wer keinen Mist zu messen wagt, findet nichts Neues.

13. Verstehen Sie die Quantenmechanik? Nein. Unser Hirn entwickelte sich evolutiv zum Überleben in einer Welt mit und . Wie könnten wir also in einer mikroskopischen nichtrelativistischen Welt RelT oder QMech wirklich verstehen. Trotzdem hab ich mir schon so manche Mühe gegeben und kann inzwischen sogar schon den Hamiltonian H von der Dosisleistung H10 unterscheiden.

14. Was sind Lichtquanten? Die kleinste Münze Licht: weniger geht nicht. Oder kleinste Portion einer elektromagnetische Welle mit Frequenz = masseloses Teilchen mit Impuls , Energie und spin 1.

15. Ein Trip zum Mond – wäre das etwas für Sie? No air no music

17. Beherrschen Sie ein Musikinstrument? na solala: Kla4

20. Warum ist die Welt da? Weil eine Maus sie anguckt? Aha, das strenge anthropische Prinzip als teleologische Maxime. Sehr verdächtig. Immer wieder verfallen wir Menschlein in dieselbe Falle, uns so ungeheuer wichtig zu nehmen. Gäb's uns nicht, könnten wir die Welt nicht betrachten. Also muss es uns geben? Die Frage, warum, wird in die theologische Fakultät verwiesen. Ohne WV.

21. Eine gute Messung wird stets sehr sorgfältig, ja fast feierlich durchgeführt. Ist diese Zeremonie einer heiligen Handlung vergleichbar? Bitte nicht. Je weniger Mystik, umso kritischer wird die Messung betrachtet, umso objektiver gerät sie.

22. Was ist in Ihren Augen das Wichtigste bei einer Messung? Never start an experiment Friday afternoon. Und dann Unvoreingenommenheit, Misstrauen, hinterfrag' die banalen Selbstverständlichkeiten.

23. Richtiges Messen – ein Handwerk oder eine Wissenschaft? Handwerk, aber ein sehr edles. Wissenschaft misst, um Zusammenhänge zu ergründen.

25. Gibt es für Sie Dinge, die sich nicht messen lassen? Wenn ja, welche? Ja viele: Schönheit, Glück, Liebe, das Schnurren meiner Katze

26. Haben Sie in Ihrem Leben schon einmal das Urkilogramm in Paris gesehen? Nein

27. Das Internet ist ja bekanntlich von Physikern erfunden worden, um gewissermaßen "in der Schwerelosigkeit" zu kommunizieren. Wären Sie gern mit im Team der "ersten Internet-Stunde" gewesen? Nein

28. Welche(n) PhysikerIn bewundern Sie? Maier Leibnitz ( mein 2.Lehrer), R. Cowley, gleichermaßen Theoretiker und Experimentator. P. Dirac, der den Nerv hatte, eine unphysikalische Lösung seiner quadratischen Gleichung der Schönheit der mathematischen Beziehungen wegen so ernst zu nehmen, dass er daraus die Antiteilchen postulierte.

29. Beenden Sie den Satz: (Ein Leben) ohne Messungen ist ... fast jede Theorie unwiderlegbar. Aristoteles bliebe ewig letzte Instanz.

30. Goethes angeblich letzten Worte lauteten "mehr Licht!" Was sollte Ihre letzte Messung sein? Flüssiges He3 mit polarisierten Neutronen. Leider nicht vor 10– 20 Jahren.

31. Erinnern Sie sich an die wichtigste Messung Ihres Lebens? Ja. Ein 3wöchiges Experiment am ILL Grenoble: Flüssiges He3 bei 50 mK (ganz schwarz für Neutronen) mit Neutronen beschaut. Das war unser 4. Anlauf. Wir hatten 3 Jahre lang Probenzelle und mK-Kryostaten am Reaktor der PTB vorbereitet und jetzt sah ich die besten Daten!

32. Es gab eine Zeit, in der physikalische Experimente plötzlich politisch hochbrisant wurden. Wie politisch kann Physik in Ihren Augen sein? Immer wieder

33. Lässt sich in der Physik noch etwas Neues entdecken? Ja, immer

34. Ist die Natur tatsächlich so, wie Physik, Biologie und Chemie sie beschreiben? Nein. Wir machen uns immer nur Modelle, die versuchen, Vorgänge und Zusammenhänge zu beschreiben. Man stelle sich vor, die Erde wäre immer von grauen Wolken bedeckt, wir hätten noch nie den blauen Himmel, noch nie Sonne, Mond noch Sterne gesehen. Wie wären Sprache und Gedichte, unsere religiösen Vorstellungen, wie wäre unser "Wissen" vom Universum beschaffen? De facto sehen wir die große komplexe Welt durch sehr enge Filter: eine Oktave von Farben, 5 Oktaven akustischer Wellen, heiß, kalt, ein bisschen Mief und der Wohlgeschmack von Kartoffelgratin oder Leberwurstbrot. Das war's. Also, Bescheidenheit. Trotzdem ist das ständige Streben nach Objektivität angesagt.

35. Versuchen Sie eine Definition: Zufall ist... Toni macht Praktikum: Eine schwach radioaktive Quelle erzeugt Krächzer in einem Lautsprecher. Toni soll die Ankunftszeit von 200 Ereignissen protokollieren und dann zu Hause Verteilungen zur Poisson-Statistik malen.
A –16:30 Erstes Pip. Um 17.03 hat Toni seine 200 Pipser fertig, packt ein und geht in die Kneipe zum Skat bis Mitternacht.
B – Wiederholen wir das Experiment!
16:30 Erstes Pip. Um 17.05 hat Toni seine 200 Pipser fertig, packt ein, da kommt eine Studentin, die ihren Taschenrechner verloren hat. Sie suchen ihn, finden ihn schließlich.... Der Abend endete ganz anders.


© Physikalisch-Technische Bundesanstalt, letzte Änderung: 2011-11-17, WEB-Redaktion Seite drucken DruckansichtPDF-Export PDF