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Physikalisch-Technische Bundesanstalt

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Physik ist...
Antworten zum Fragebogen von Marie Curie (1867 – 1934)
(Quelle: Eve Curie, "Madame Curie")

Marie Curie (1867 – 1934)

1. Warum haben Sie sich für ein Physikstudium entschieden? "Die Literatur interessierte mich [...] ebensosehr wie die Soziologie und die Wissenschaften überhaupt. Während jener arbeitsreichen Jahre [als Hauslehrerin, um ein Studium finanzieren zu können,] versuchte ich jedoch, allmählich herauszufinden, wo meine eigentliche Begabung liege, und so wandte ich mich schließlich den mathematischen Fächern und der Physik zu. Mein einsamer Studiengang war natürlich mit Schwierigkeiten gepflastert. Schon die wissenschaftliche Bildung, die ich auf dem Gymnasium erhalten hatte, war sehr unvollständig, und so versuchte ich, die vorhandenen Lücken auf meine Art auszufüllen, das heißt mit Hilfe von Büchern, die mir der Zufall in die Hände spielte. Diese Methode war nicht sehr wirksam, hatte aber den Vorteil, daß ich mich daran gewöhnte, selbständig zu arbeiten, und daß ich überdies gewisse Kenntnisse erwarb, die mir später sehr nützlich waren."

2. Wo haben Sie Physik studiert? In Paris, an der Sorbonne

3. Haben Sie in der Schule ein physikalisches Experiment erlebt, das Sie besonders beeindruckt hat? Schon früh war Marie Curie besonders von den physikalischen Apparaten im Arbeitszimmer ihres Vaters, der Gymnasiallehrer war, fasziniert.

4. Ihr physikalisches Aha-Erlebnis? Marie und Pierre Curie suchten nach einem unbekannten Stoff: "Diese Strahlung, die ich mir nicht erklären kann, stammt zweifellos von einem bisher unbekannten chemischen Element. Es ist vorhanden, davon sind wir überzeugt, man muß es nur finden. Die Physiker, mit denen wir darüber gesprochen haben, glauben an einen Fehler in meinen Versuchen und raten uns, mit einer solchen Behauptung vorsichtig zu sein, aber ich weiß ganz genau, daß ich mich nicht irre!" (Marie und Pierre Curie entdecken 1898 das Radium.)

5. Haben Sie einen Lieblingsversuch? Das Leuchten des Radiums. "Dieses Leuchten kann bei hellem Tageslicht nicht beobachtet werden, aber man sieht es sofort im Halbdunkel. Das ausgestrahlte Licht einer kleinen Menge Radium kann so stark sein, daß man bei seinem Schein im Dunkeln zu lesen vermag."

6. Gibt es ein völlig anderes Fach, das Sie ebenfalls interessiert? Politik

7. Berufswunsch als Kind? Lehrerin in Warschau

9. Woran erkennt man eine/n PhysikerIn? An einem überdurchschnittlich idealistischen Wesen, denn "in der Wissenschaft geht es nur um Sachen, nicht um Menschen".

10. Ihre Tipps für angehende Physikstudenten? "Ich lese nämlich immer mehrere Gegenstände gleichzeitig, denn die fortlaufende Beschäftigung mit ein und demselben könnte leicht mein Gehirn zu sehr ermüden, das ohnehin schon stark überansprucht ist. Wenn ich mich völlig außerstande fühle, mit Nutzen zu lesen, löse ich algebraische oder trigonometrische Aufgaben, weil ich bei denen aufmerksam sein m u ß und dadurch allmählich wieder ins richtige Gleis komme."

11. Gehört zum richtigen Messen eine gehörige Portion Ehrgeiz? Ja, der Ehrgeiz, genau zu arbeiten. Eine Mitarbeiterin beobachtete Marie Curie bei der Arbeit im Labor: "Sie sitzt vor einem Apparat und nimmt Messungen in einem halbdunklen Raum vor, der nicht geheizt ist, um Temperaturschwankungen zu vermeiden. Die einzelnen Handgriffe – das Aufdrehen des Apparates, das Auslösen des Chronometers, das Heben der Gewichte und so weiter – führt Frau Curie mit bewunderungswürdiger Beherrschtheit und Ausgeglichenheit der Bewegungen aus, wie es in dieser Vollendung kaum die geschickten Hände eines Pianisten könnten. Sie besitzt die hervorragende Technik, die den Koeffizienten des persönlichen Irrtums auf null zu bringen sucht. Wenn sie dann die vorher gemachten Berechnungen, die sie unglaublich schnell ausführt, mit den erzielten Ergebnissen vergleicht, sieht man ihre aufrichtige, nicht gespielte Freude, weil die Abweichungen tief unter dem Erlaubten liegen, was die Genauigkeit der Messung beweist."

24. Verraten Sie drei Eckpunkte Ihrer Biographie? 3.11.1891 – endlich kann Marie Sklodowski das lang ersehnte naturwissenschaftliche Studium an der Sorbonne beginnen. 26.7. 1895 – Marie Sklodowski heiratet Pierre Curie.1898 – die Curies entdecken das Radium.

25. Gibt es für Sie Dinge, die sich nicht messen lassen? Wenn ja, welche? Die Freiheit Polens. 1920 schreibt Marie Curie an ihren Bruder Joseph Sklodowski: "Also haben wir, "in Knechtschaft geboren, in Ketten geschmiedet schon in der Wiege" (Zitat aus Adam Mickiewiczs "Messer Thaddäus") die Auferstehung unseres Landes, von der wir geträumt, doch noch erlebt! Wir hatten nicht gehofft, den großen Augenblick selbst zu sehen, wir dachten, unseren Kindern würde das einmal vergönnt sein – und nun ist er da! Es ist wahr, daß unser Land für dieses Glück teuer gezahlt hat und auch noch teuer bezahlen muß. Aber kann man die Wolken, die die heutige Lage verdüstern, mit der Bitterkeit und Enttäuschung vergleichen, die auf uns lasten würden, wenn Polen nach dem Krieg in Ketten und zerstückelt geblieben wäre? Wie du habe auch ich volles Vertrauen zur Zukunft."

26. Haben Sie in Ihrem Leben schon einmal das Urkilogramm in Paris gesehen? Vermutlich ja, als sie das eigenhändig versiegelte Normalmaß (eine kleine Glasröhre mit 21 mg reinem Radiumchlorür) für das Radium im "Amt für Maße und Gewichte" in Sèvres bei Paris ablieferte.

28. Welche(n) PhysikerIn bewundern Sie? Pierre Curie: "Er ist mir alles und noch mehr gewesen, als das, was ich mir im Augenblick, da ich mein Leben mit dem seinen verband, erträumt habe. Dauernd ist meine Bewunderung für seine außerordentlichen, hohen und seltenen Eigenschaften gewachsen, so daß er mir oft wie ein einzigartiges Geschöpf erschienen ist. Er war völlig frei von jeder Regung der Eitelkeit und Kleinlichkeit, die man, wenn man sie an sich oder anderen wahrnimmt, wohl nachsichtig zu beurteilen pflegt, aber doch durchaus nicht als ideal empfindet."

30. Goethes angeblich letzten Worte lauteten "mehr Licht!" Was sollte Ihre letzte Messung sein? Marie Curie hat das Radium buchstäblich mit ihrem Körper gemessen und starb an den Nachwirkungen der Strahlenschäden.
31. Erinnern Sie sich an die wichtigste Messung Ihres Lebens? Es war die schmerzlichste. "Am Sonntag nach deinem Tod, Pierre [Pierre Curie starb 1906 durch einen Verkehrsunfall], bin ich vormittags [...] zum erstenmal wieder in das Laboratorium gegangen. Ich habe versucht, eine Messung für eine Kurve vorzunehmen, von der wir noch zusammen einige Punkte festgelegt hatten – aber ich habe sie nicht durchführen können."

32. Es gab eine Zeit, in der physikalische Experimente plötzlich politisch hochbrisant wurden. Wie politisch kann Physik in Ihren Augen sein? Marie Curie litt unter der Herrschaft des zaristischen Rußlands über ihre Heimat Polen. 1898 schrieben die Curies an die Akademie: "Wir glauben, daß der Stoff, den wir aus der Pechblende ausgeschieden haben, ein bisher noch unbekanntes Element enthält, das nach seinen analytischen Eigenschaften dem Bismut verwandt ist. Wenn sich das Vorhandensein dieses neuen Elementes bestätigt, schlagen wir vor, es nach dem Heimatlande des einen von uns P o l o n i u m zu nennen."
Im ersten Weltkrieg versorgte Marie Curie eigenhändig französische Lazarette mit Röntgenapparaten, entwickelte mobile Röntgenstationen und besuchte auch selbst mit einem zur Röntgenstation umgebauten Wagen die Lazarette des Landes. "Die Geschichte der Röntgenologie im Kriege ist ein schlagender Beweis dafür, welche ungeahnte Ausdehnung unter gewissen Voraussetzungen die praktische Anwendung von rein wissenschaftlichen Entdeckungen erfahren kann. Die Röntgenstrahlen sind bis zum Krieg nur in sehr begrenztem Umfang praktisch genützt worden. Erst das große Unheil, das über die Menschen gekommen ist und Opfer ohne Zahl gefordert hat, weckte als Gegenwirkung den brennenden Wunsch, alle erdenklichen Mittel anzuwenden, um gefährdete Menschenleben zu erhalten und vor Siechtum zu bewahren."


© Physikalisch-Technische Bundesanstalt, letzte Änderung: 2011-11-17, WEB-Redaktion Seite drucken DruckansichtPDF-Export PDF