Reaktions-Diffusions-Prozesse in chemischen und biologischen Systemen führen häufig zu Selbstorganisation und spontaner Strukturbildung. Von besonderem Interesse sind so genannte anregbare Systeme, zu denen die Ausbreitung von elektrischen Aktionspotenzialen im Gehirn, in Nervenbahnen und im Herzmuskelgewebe gehören. Dabei stehen insbesondere plötzliche pathologische Veränderungen des Herzrhythmus wie Kammer- oder Vorhofflimmern in engem Zusammenhang mit möglichen Instabilitäten von hochfrequenten periodischen Strukturen wie rotierenden Spiralen oder Scroll-Wellen. Leider war es bisher nicht möglich, die vollständige Information über die dreidimensionale Dynamik der elektrischen Erregung im Herzmuskel zu erhalten. Daher ist es von großem Interesse, analoge Phänomene in einfacheren Systemen zu studieren. Hierzu wird häufig die Belousov-Zhabotinsky-Reaktion herangezogen.
Dreidimensionale Messungen in diesem System werden mit Hilfe eines optischen Tomographen in der AG Biophysik der Universität Magdeburg durchgeführt. Abbildung 1 zeigt Ergebnisse solcher Messungen in Form von Isokonzentrationsflächen. Dabei wird die Rotation einer sogenannten Scroll-Welle um ein linienförmiges Zentrum (Filament) beobachtet. Eine mögliche Instabilität eines geraden Filaments ist mit einer negativen Linienspannung des Rotationszentrum verbunden und führt zunächst zu helikalen Filamenten (vgl. Abbildung 1) und später zu irregulärer chaotischer Dynamik. Der Übergang von geraden zu helikalen Filamenten (
interaktives Applet) wird im Detail mit Hilfe von Simulationen des Reaktions-Diffusions-Modells von D. Barkley reproduziert und zeigt neben der negativen Linienspannung auch einen Übergang zwischen einem geraden und einem zig-zag-förmigen Filament (vgl. Abbildung 2), der als dreidimensionales Mäandern bekannt ist.

Abb. 1: Experiment zur Filamentinstabilität. Gezeigt ist die Isokonzentrationsfläche einer Scroll-Welle unter Einfluss der negativen Linienspannungsinstabilität. Der Würfel hat die Maße 1.8 cm x 1.8 cm x 2.85 cm (Abbildung: C. Lungviriya, M. Hauser (Magdeburg)).

Abb. 2: Simulationen zeigen verschiedenen Filamentinstabiläten anhand der Isokonzentrationsflächen (obere Reihe) und der Filamente (untere Reihe). Von links nach rechts: Stabiles gerades Filament, dreidimensionales Mäandern, negative Linienspannung.
Weitere Themen der Zusammenarbeit zwischen der AG 8.41 und der AG Biophysik der Universität Magdeburg betreffen das Verhalten von Filamenten in Gradienten (Sauerstoffkonzentration, elektrische Felder), die sowohl zur Bewegung der Filamente als auch zu einer sogenannten ,,Sproing´´-Instabilität führen können, sowie die Wechselwirkung von zwei Filamenten, bei der lokal verschiedene Instabilitäten auftreten können.
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